Über die Schwierigkeit, sein Bestes zu geben…

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oder Fluch und Segen von “ Be average!“

Keith Johnstones Arbeitsanweisung „Be average!“ – „Sei durchschnittlich!“ ist wohl eine der von mir am häufigsten in Workshop-Situationen verwendeten Formeln. Ich wandele sie je nach Anlass ab: „Das hier müssen nicht die besten Szenen aller Zeiten sein.“ oder „Wenn ihr zu gut seid, dann haben die, die nach euch kommen, sehr viel Stress.“ Die Situation, wenn Improspieler*innen ihr Bestes geben wollen und ihre Kreativität verschwindet, ist mir gut vertraut – sowohl von meinem eigenen Erleben in Vorstellungen, Festivals, Workshops als auch beim Zuschauen im Impro-Training. Ich kenne nur zu gut das Gefühl, wenn alles versteinert und man plötzlich keine Ideen mehr hat. Oder wenn plötzlich der Druck zunimmt und alles zu laut, zu groß, zu originell wird. Wenn sich der Fokus zu sehr auf das Produkt verschiebt und die Spielfreude und das Vertrauen in den Moment verschwinden. 

Als Theater- und Sozialpädagogin weiß ich um paradoxe Handlungsanweisungen und ihre Wirkung und verstehe, dass hier eine solche am Werk ist. Meine ich deshalb weniger, was ich sage, wenn ich eine solche benutze? Nein, denn ich weiß, dass die Erlaubnis zur Mittelmäßigkeit oft erzeugt, dass Menschen mehr von sich selbst zeigen und dass sie paradoxerweise weniger mittelmäßige Szenen spielen. 

Perfekt. Oder?

Nicht ganz.

2006 habe ich Aitor Basauri kennengelernt. Anja Balzer hatte damals nach Bochum zu einem Clowns-Workshop mit dem Titel „Auf der Suche nach dem Flop“ eingeladen. Und eine der ersten Anweisungen von Aitor Basauri war: „Always play to the best of your abilities.“ What??? Es sollte einer der eindrücklichsten Workshops meines Lebens als Improschauspielerin werden… und nicht der einzige seiner Art bleiben. Das Thema, das Beste zu geben und die ganze Fülle meiner Fähigkeiten zu nutzen, beschäftigt mich bis heute. Was heißt es genau? Und wie kann beides wahr sein?

In der Clowns-Arbeit mit Aitor Basauri geht es insbesondere um den Moment des Scheiterns, den Flop. Um den Moment, in dem wir pur sind. Den Moment, in dem man uns sieht, wenn wir uns eingestehen, dass das, was wir gerade tun, nicht funktioniert. Es ist ein schmerzhafter Moment für das eigene Ego und ein wirklich wunderbarer Moment für das Publikum. Der Startpunkt des Lachens. Und in der Arbeit mit Aitor merke ich, wie schwer es ist, mir zuzugestehen, wirklich zu scheitern. 

Das klingt erstmal komisch, denn als Improspielerin gehört die Devise „Mut zum Risiko“ oder „Scheiter heiter! zu meinem Alltag. Und trotzdem: Wenn wir nicht „to the best of our abilites“ arbeiten, dann gehen wir nicht wirklich das komplette Risiko ein und erlauben anderen nicht, unser Scheitern mitzuerleben. Und das macht sich in vielen kleinen Dingen bemerkbar. Es beginnt damit, dass wir Übungen und Spiele nicht so gut spielen, wie wir können, sondern dass wir mit dem Spiel spielen, anstelle es einfach nur zu spielen. 

„Play the game instead of playing with the game.“ Was heißt das? Wir spielen zum Beispiel das Spiel „Mr. Hit“ und anstelle einfach schnell den nächsten Namen zu sagen und schnell die nächste Person zu berühren, finden wir lustige Betonungen, verzögern das Abschlagen oder versuchen, besonders überraschend jemanden anderen zu erwischen, als die Person, die gerade vor uns steht. Wir packen also neue Spiele obendrauf, anstelle das, was wir tun mit voller Hingabe zu spielen. Warum? Weil wir uns dann nicht messen lassen müssen an unserem Erfolg im Spiel, denn wir haben ja auch noch was anderes getan. Und selbst, wenn wir das erkennen und einfach nur das Spiel spielen, finden sich Situationen der Mikro-Selbstsabotage. Ganz am Schluss, kurz bevor man gewinnen könnte, senkt der Körper plötzlich die Spannung und die Energie weicht aus dem Spiel. Das funktioniert natürlich unbewusst, aber ist ein Prozess, der – einmal entdeckt – sich überall widerspiegelt. Bei einem Maestro™- Finale, in improvisierten Liedern, in der Szenenarbeit auf der Bühne und natürlich im Leben abseits des improvisierten Theaters.

Haben wir „Be average!“ so verinnerlicht, dass wir uns nicht mehr so anstrengen? Oder strengen wir uns nicht so an, damit der Prozess des Scheiterns weniger schmerzhaft ist?

Ich vermute letzteres und denke, dass „Be average“ uns manchmal als Feigenblatt dient, um den schmerzhaften Flop zu kaschieren. Wir senken den Einsatz, um uns zu schützen. Deshalb hilft mir die Klarheit, beide Anweisungen klar voneinander zu unterscheiden.

Während Keiths „Be average!“ eine paradoxe Hilfe für den kreativen Prozess ist, spricht Aitor direkt zum Künstler-Ich. Das erste dient, um nicht in die Falle der „Originalität“ oder des Versteinerns / Plapperns zu tappen. Das zweite ist eine Arbeitsanweisung an die Künstlerin für den gesamten Arbeitsprozess. Meine derzeitige Mission ist, mich bei der Selbst-Sabotage zu ertappen. 

Be big! Be beautiful! Allow yourself to be great!

Was so einfach klingt, gehört zu den schwierigsten Sätzen, die ich in den letzten Wochen gehört habe.

Nadine Antler, Juli 2023

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