Im Rahmen unserer Impro-Ausbildung bieten wir ein Modul an, in dem wir die Chubbuck-Technik in die Improvisation integrieren. Die Chubbuck-Technik ist ein Schauspielansatz, der von der US-Amerikanerin Ivana Chubbuck entwickelt wurde. In ihrem Buch „The Power of the Actor“ (auf Deutsch: „Die Chubbuck-Technik“, herausgegeben von Sebastian Gerold) stellt sie ihre Methode vor. Die Technik hat sich in der Schauspielwelt schnell etabliert und ist heute ein fester Bestandteil des schauspielerischen Vokabulars.
Ich selbst habe die Chubbuck-Technik in einem Workshop von Tim Garde kennengelernt. Der intensive und analytische Ansatz hat mir in meiner Arbeit ein tieferes Verständnis Charakteren und Struktur der Geschichte verholfen. Gleichzeitig bietet die Technik aber auch effektive, schnell anwendbare Tools für die Arbeit auf der Bühne oder vor der Kamera.
Ein großer Teil des Erfolgs von Buch und Technik liegt in der Persönlichkeit Ivana Chubbuck selbst begründet: Sie hat zahlreiche Hollywoodstars wie Brad Pitt, Halle Berry, Sylvester Stallone und Charlize Theron trainiert und gilt als eine der erfolgreichsten Schauspielcoaches der Branche.
Struktur und Ansatz der Technik
Die Chubbuck-Technik gliedert sich in zwei eigenständige Teile. Der erste Teil des Buches umfasst die sogenannten 12 Schritte. Hier wird Chubbucks Ansatz deutlich, sich einer Rolle oder Figur auf persönliche Weise zu nähern. Gesamtziel, Szenenziel, Hindernisse, Substitution, innere Bilder, Beats & Actions, Moment before, Ort & vierte Wand, Handlungen, innerer Monolog, Vorgeschichte und schließlich Loslassen nennt Chubbuck diese 12 Schritte und hier wird auch schon ein Hauptproblem des Konzepts deutlich: Das Durcharbeiten der Schritte ist äußerst komplex und verwirrt an manchen Stellen eher, als das es Klarheit schafft. Hat man die Schritte allerdings durchlaufen, fühlt man sich, als wäre man in die zu spielende Figur wie eine Haut „hineingeschlüpft“.
Chubbuck trainiert Schauspieler*innen darin, Emotionen nicht als Ergebnis, sondern als Treibkraft auf dem Weg zum Ziel der Szene oder des Films zu nutzen. Emotionen sollen die Energie erhöhen, um das Ziel zu erreichen. Hindernisse werden nicht akzeptiert, sondern überwunden. Spieler*innen werden ermutigt, Wege zu finden, um das Recht der Figur zu verteidigen und zu gewinnen. Nach Chubbucks Philosophie ist Wut immer besser als Trauer, und ein Sieg immer anziehender als eine Niederlage. Kurz gesagt: Sie trainiert Schauspieler*innen darin, die Szene immer zu gewinnen – nicht, indem sie ihre Spielpartner*innen schlecht dastehen lassen, sondern indem sie das Ziel der Figur erreichen.
Mein Arbeit mit der Technik hat mir nicht nur in Bezug auf meine Rollen einige „Aha-Momente“ beschert, sondern mich auch über mein Verhalten abseits der Kamera nachdenken lassen. Denn die 12 Schritte helfen dabei, folgende Fragen zu beantworten:
- Wo kann ich emotional andocken?
- Wie kann ich die Arbeit persönlich gestalten?
- Wie kann ich innere Bilder erzeugen und die Dringlichkeit steigern – selbst wenn die Ziele der Figur nichts mit meinen eigenen zu tun haben?
Die Technik stellt auch eine wichtige Ergänzung zu meiner Arbeit mit der Meisner-Technik dar: Die Chubbuck-Technik ist Gegensatz zu Meisner keine Schauspielausbildung, sondern stellt ein Coaching-Modell dar, dass die Ausbildung des schauspielerischen Instruments sinnvoll komplementiert.
Anwendung in der Improvisation
Wie lässt sich diese Technik, die ursprünglich für die Szenenanalyse konzipiert wurde, nun aber in der Improvisation einsetzen? Obwohl bereits im ersten Teil des Buches Tools wie Substitution oder Moment Before beschrieben werden, die sich problemlos in der Improvisation anwenden lassen, liegt der eigentliche Zauber im zweiten Teil: den sogenannten „Werkzeugen und Übungen“ (im Englischen treffender als „Formulas“ bezeichnet). Diese bieten effektive Ansätze, um physische Zustände glaubhaft darzustellen und einen schnellen Zugang zu Figuren zu finden.
Hier bietet Chubbuck unzählige Kniffe an, um schauspielerische Probleme praxisorientiert zu lösen. Egalb man einen „Racheengel“ spielen möchte, oder „Sexuelle Chemie“ innerhalb einer Szene erzeugen will. Die physische Präsenz eines Betrunkenen, oder das tiefe Verlangen einer Schwangeren. Elterngefühle, oder realistische Angst und Freude: Für fast jede erdenkliche Situation hat Chubbuck Lösungen parat, die alle eine Veränderung der Präsenz erzeugen und einen Spannungsmoment auf der Bühne erzeugen.
Egal, ob in der Improvisation oder im klassischen Schauspiel: Beide Formen werden durch diese Technik glaubwürdiger und energetisch aufgeladener. Die Präsenz, die dabei entsteht, zeigt sich in Haltung, Stimme und Darstellung.
Und ein weiterer zentraler Punkt der Chubbuck-Technik wird deutlich: Ivana Chubbuck arbeitet tiefenpsychologisch. Ihr Ziel ist es, nicht plakativ zu „spielen“, sondern einen emotionalen Prozess in Gang zu setzen.
Nebenbei bemerkt sind solche Veränderungen des Fokus auch aus rein szenischer Sicht interessant, bieten sie doch eine plausible Möglichkeit, die Art der Beziehung der Spielenden zu zeigen.
Und hier wird ein weiterer Benefit der Technik deutlich:
Im Schauspiel zählt nicht, was wir sagen, sondern was wir zeigen.
Fazit Die Chubbuck-Technik bietet Schauspieler*innen und Improspieler*innen gleichermaßen praktische Werkzeuge, um Figuren lebendiger, emotionaler und glaubwürdiger zu gestalten. Durch die Fokussierung auf innere Motivationen und physische Zustände wird das Spiel tiefgründiger und präsenter – ob auf der Bühne oder im improvisierten Moment.
Den passenden Workshop dazu gibt es im April: Breaking the Spine – Chubbuck for Improvisers.
Hendrik Martz – Januar 2026



