Sechs Dinge, die ich über das Unterrichten von Improvisation und Improvisationstheater gelernt habe

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Seit knapp 25 Jahren unterrichte ich mit großer Leidenschaft die Kunst der Improvisation. Ich konzipiere und gebe Workshops, leite Proben, um das Unmögliche möglich zu machen: Menschen darauf vorzubereiten, in einem zukünftigen Moment Pläne loszulassen, Kontrolle aufzugeben und sich voller Überzeugung auf den Augenblick sowie das Gegenüber einzulassen. Es geht um ein sehr buddhistisches Grundprinzip: Wahrnehmen, was bereits da ist und das zu akzeptieren, um es dann gestalten zu können.

Und natürlich gehört ein riesiges Feld von Handwerkszeug zum improvisierten Theater : Storytelling, Schauspiel, Figurenentwicklung, Strukturen und Formate, Komik und Drama, Regie u.v.m. Dieses steht häufig im Widerspruch zum reinen „Im Moment sein“ und muss der Improvisations-Schauspielerin letztendlich auf einer unbewussten Ebene als Impuls irgendwann wieder zur Verfügung stehen.

Ich war definitiv keine dieser Personen, bei denen Improvisation quasi zur zweiten Natur gehörte und die eine natürliche Bühnenpräsenz von sich aus „mitbringen“. Meine Figuren waren nie von sich aus spritzig, meine Stories nicht sowieso schon fesselnd. Insofern hat mich immer fasziniert: Wie geht das? Woran liegt es, dass dem einen das Publikum zu Füßen liegt und der anderen eben nicht? Was sind die Prinzipien hinter dem Ungreifbaren? Und wie können Strukturen neben der absoluten Freiheit co-existieren?

Angetrieben durch diese Neugier bin ich Stück für Stück seit 1998 zur professionellen Improvisationstheater-Schauspielerin geworden. Und weil mein eigener Weg ein mühsames Erarbeiten war mit vielen Aha-Erlebnissen, aber auch vielen Erfahrungen des Scheiterns, hab ich – neben der Bühne – eine große Hingabe an das Unterrichten entwickelt. Und ich stehe dabei auf den Schultern von zahlreichen Riesen, die mich haben teilhaben lassen an der Methodik und Psychologie dahinter. (1)

Hier ein paar Gedanken, die mich in Bezug auf das Unterrichten der Improvisation beschäftigen:

  1. Kreativität ist eine ganz spezielle Angelegenheit

Es gibt massenhaft Literatur zu dem Thema „Kreativität“. Meine große Erkenntnis lässt sich allerdings sehr reduziert zusammenfassen: Um Kreativität zu ermöglichen, muss der  Fokus immer auf den Prozess statt auf das Produkt gelegt werden.

Was heißt das? Um kreativ arbeiten zu können, ist es notwendig, in den „offenen Modus“ zu wechseln, wie John Cleese (2) ihn nennt. Jeder Stress und Druck, der darauf abzielt, ein gutes Ergebnis zu liefern, muss komplett ausgeblendet werden. Für diesen besonderen – und klar umrissenen – Zeitraum, in dem wir uns erlauben, mit Humor, Lust am Spielen und viel Selbstbewusstsein zu arbeiten, gelten damit andere Regeln als die, die wir in unserem normalen Alltag („im geschlossenen Modus“) anlegen.  Eine wesentliche ist, dass Scheitern und Fehler ausdrücklich erwünscht sind. Sie zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Die klassischen Impro-Aufwärm-Übungen rund um das positive Scheitern (entsprechend angeleitet) sorgen dafür, dass wir in den offenen Modus gelangen. Ebenso hilft paradoxe Kommunikation.

  1. Menschen statt Inhalt unterrichten

Für einen Workshop oder eine Probe gibt es in der Regel ein Thema, das wir bearbeiten wollen. Trotzdem stehen die Menschen an erster Stelle, wenn ich Entscheidungen über den Ansatzpunkt oder die Methodik treffen will. Klingt erstmal banal, aber ist m.E. entscheidend darüber, ob ich meine Inhalte überhaupt an den Mann oder die Frau bringen kann.

Damit meine ich, dass es meine erste Aufgabe als Anleiterin ist, während der (Warm up-)Übungen und Szenen meine Teilnehmer*innen erst einmal zu beobachten. Für mich ist immer entscheidend festzustellen, wo für jeden einzelnen der Stress liegt. Wo sehe ich zunehmende Körperspannung? Wo fallen Entscheidungen schwer? Wo bleiben die Spieler und Spielerinnen vage? Oder wo sehe ich Panik-Reaktionen in Übungen, die aus dem sonstigen Bild der Person herausfallen? Hier sind für mich die Ansatzpunkte, bei denen ich üblicherweise beginne und nach denen ich meine Methodik ausrichte. Denn wenn ich den ursächlichen Stress nicht aus dem Weg geräumt habe, werde ich inhaltlich in der Regel keine Fortschritte machen können. Dann versuche ich, in möglichst kleinen Schritten so vorzugehen, dass ich niemanden unterwegs verliere.

Und ja, mein Ansatzpunkt ist immer der größte Stress auf dem niedrigsten Level. Um die Fortgeschrittenen nicht zu verlieren, ist es wichtig, sie frühzeitig Teil des Prozesses werden zu lassen, also sie z.B. auf ihre eigenen Stressmuster hinzuweisen, auch wenn wir uns denen dann z.B. erst im dritten Schritt widmen können.

  1. Die Gruppe als eigener Organismus

Ein komplexes Thema. Es beginnt mit einer wichtigen Unterscheidung: Unterrichte ich eine bestehende Gruppe, die schon eigene Regeln und Verhaltensweisen herausgebildet hat oder kommt diese Gruppe gerade jetzt für einen klar definierten Zeitraum zusammen? Im letzteren Fall sehe ich es als meine Aufgabe, die Gruppe erst dabei zu unterstützen, sich zu finden und eine Art von „Komplizenschaft“ zu entwickeln. Der Trend geht nach meiner Beobachtung dazu, für sich selbst individuell einen Workshop zu besuchen und die Gruppe dabei eher auszublenden. Dabei sehe ich die Gefahr, unser tief sitzendes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Orientierung zu ignorieren.

Je länger der Workshop oder die gemeinsame Probe dauert, um so mehr braucht es anfangs eine Art Orientierungszeit. Da die Zusammenarbeit beim improvisierten Theater immanent ist, lässt sich m.E. der Aspekt der Komplizenschaft nie ausblenden. Wir brauchen, dass Gruppenmitglieder sich zeigen können, ihren Status und ihre Bedürfnisse kommunizieren können, um sich als Gruppe zu finden.

Keine Gruppe ist homogen. In jeder Gruppe gibt es Menschen, die herausstechen. Es sind immer Menschen dabei, die zu fortgeschrittenen sind oder zu wenig erfahren. Manche fallen durch ihre Herkunft oder ihr Milieu oder ihr spezielles soziales Verhalten auf. Fast immer gibt es besondere Beziehungen in der Gruppe: Liebesbeziehungen, Freundschaften, Spannungen. Oft sind außerdem die Gründe verschieden, warum Menschen sich in einem Workshop befinden. Auf einem sehr basalen Level verstehen wir all diese Dinge und finden in der ersten Gruppenfindungsphase unseren Platz. Erst dann ist der Boden bereitet für die Arbeit mit dem oder der einzelnen. Arbeite ich dann mit einem einzelnen Teilnehmer in der Gruppe, findet jede Person ihre eigene Haltung zu dem Lernprozess und lernt auf ihre Art mit.

  1. Fokus und Zielsetzung

Für mich sind die Proben-Sessions und Workshops dann am dienlichsten, wenn es eine klare Zielsetzung oder einen vereinbarten Fokus gibt. Das gilt auch für jede einzelne Übung. Als Anleiterin hab ich es mir daher zur Aufgabe gemacht (die mir nicht zu jedem Zeitpunkt gelingt), immer nur eine Sache zu trainieren, erst dann die verschiedenen Aspekte zusammenzuführen.

Voraussetzung dafür ist, zu wissen: „Was trainiert die Übung eigentlich? Wofür möchte ich sie in diesem Kontext einsetzen und wie muss ich sie ggf. anpassen, um den Zweck zu erfüllen?“ Fehlen den Teilnehmer*innen Vorerfahrungen, so dass die Übung mehrere neue Fähigkeiten gleichzeitig erfordert, muss ich Vorübungen vorschalten.

Für mich immer wieder eine Herausforderung: Kein Feedback zu anderen Aspekten der Übung, solange wir noch nicht an diesen arbeiten können.

  1. Pull over push

Die größten Lernerfolge erziele ich, wenn ich die Teilnehmer*innen erst eine Erfahrung machen lasse, dann das Wissen bereitstelle, was ihnen hilft, diese Erfahrung zu verbessern. Also: Einmal die Übung anleiten, durchführen, dann die Probleme erfragen und Lösungswege vorschlagen, mit denen wir dann die Übung nochmal ausprobieren. Hier entsteht ein „Pull“, also die Teilnehmer*innen haben selbst ein Interesse entwickelt, die Lösung eines Problems zu erfahren und suchen aktiv nach Hilfestellung.

Pädagogisch gesprochen: deduktives Lernen funktioniert in der Regel deutlich effektiver als induktives Lernen. Bei letzterem erkläre ich erst die Theorie und erprobe diese dann in der Praxis. Hier spricht man von „Push“, weil ich als Anleiterin den Stoff vermittle, bevor es einen Wunsch danach gibt, also bevor man die Notwendigkeit am eigenen Leib selbst erfahren hat.

Aber nicht immer ist es möglich, deduktiv, also mit „Pull-Effekt“ zu arbeiten. Für mich ist der induktive Prozess besser geeignet, wenn ich mit großen Widerständen umgehen muss, wenn es nicht genug Vertrauen gegenüber mir als Anleiterin gibt, wenn es ein großes Sicherheitsbedürfnis gibt oder auch, wenn die Teilnehmer*innen nicht freiwillig da sind. Dann braucht es oft eine Erklärung, warum es sinnvoll sein könnte, sich auf folgende Übung einzulassen. Gerade im Business-Kontext besteht große Sorge davor, „alberene Spiele“ zu spielen. Wenn ich aber überzeugend darlege, dass die Übungen durchaus einen Trainingseffekt haben und dieser für die Teilnehmer*innen von Bedeutung sein kann, bekomme ich über den induktiven Weg oft die Bereitschaft, sich überhaupt auf den Prozess einzulassen.

  1. Haltung: selbst lernen und experimentieren

Shawn Kinley, der meine Art zu Unterrichten deutlich geprägt hat, erklärt Übungen und Spiele oft bewusst lückenhaft. Da wir uns in einem Metier bewegen, das trainiert, ins Risiko zu gehen, ist diese Art des Anleitens schon Teil des Trainings. Die Gruppe wird quasi gezwungen, mit unvollständigem Wissen eine Übung auszuprobieren und erhält damit – zusammen mit dem Anleitenden –  die Chance, etwas Neues zu entdecken. Nicht jede Gruppe kann meiner Erfahrung nach gut mit mit diesem Prozess und der Unsicherheit umgehen. Aber wenn Gruppen sich darauf einlassen können, habe ich die Erfahrung gemacht, dass häufig Variationen von Übungen entstehen, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Ich profitiere also extrem von diesem Prozess.

Was gefühlt im Widerspruch zum Punkt „Fokus und Zielsetzung“ steht, verstehe ich eher als aufbauend darauf. Ich lerne von der Gruppe. Denn: Jede Gruppe ist anders. Jeder Workshop ist anders. Ich bin heute anders. Und das Ziel ist, beim Unterrichten ebenso im Moment zu sein wie auf der Bühne.

Zu (1) Die Liste wäre fast endlos, aber an dieser Stelle möchte ich stellvertretend meiner Professorin Dagmar Dörger an der Fachhochschule Erfurt danken für ihre Erkenntnisse zur Spiel- und Theaterpädagogik. Großer Dank gebürt ebenso Keith Johnstone, dem Meister der paradoxen Pädagogik und der Psychologie hinter kreativen Prozessen, außerdem Shawn Kinley als meinem geduldigen Mentor und „Playfulness“-Vorbild, Aitor Basauri für seine Hingabe und liebevolle Härte.

Nadine Antler, Oktober 2023

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